KI – Was, wenn es gut wird?
Für mich stellte sich in diesem Jahr oft die Frage: Wo kann ich mit meinen Fähigkeiten noch wirken? Die Veränderung, die KI mit sich bringt, geschieht in einer atemberaubenden Geschwindigkeit. Noch nie habe ich eine so schnelle und drastische Transformation in meiner eigenen Branche erlebt. Innerhalb eines Jahres wurden bewährte Methoden und Prozesse durch KI-Entwicklungen über den Haufen geworfen.
Wer heute über Künstliche Intelligenz spricht, landet schnell bei Ängsten und Dystopien. Die Narrative sind vertraut: KI übernimmt unsere Jobs, macht uns überflüssig, bedroht unsere Einzigartigkeit als Menschen. Die zugrundeliegende Frage lautet immer: "Wenn KI alles kann, wofür bin ich dann noch gut?"
Diese Frage ist verständlich und gleichzeitig blockiert sie, wenn es darum geht, die neue Technologie wertstiftend einzusetzen.
Ein Perspektivwechsel
In seinem Buch "Wir, aber besser" beschreibt Gregor Schmalzried einen Gedanken, der mich zum Nachdenken gebracht hat: KI ist keine fremde Intelligenz, die uns ersetzt. Sie ist eine kulturelle Technologie, die uns verändert – genau wie Schrift, Buchdruck oder das Internet es getan haben.
"Menschliche Intelligenz setzt sich aus komplexen Komponenten zusammen: Wahrnehmung, Gedächtnis, Logik, Gefühle, soziales Umfeld etc. KI ist kein Ersatz für diese Komponenten, sie ist eine zusätzliche Komponente."
Dieser Perspektivwechsel macht Mut. Wir stehen nicht vor einem Entweder-Oder zwischen menschlicher und künstlicher Intelligenz, sondern vor einem erweiterten Sowohl-Als-Auch.
Was ist eine kulturelle Technologie?
Es sind Werkzeuge, die nicht nur unsere praktischen Fähigkeiten erweitern, sondern die Art und Weise verändern, wie wir denken, kommunizieren und die Welt verstehen.
Die Schrift hat unser Gedächtnis erweitert, der Buchdruck hat Wissen demokratisiert, das Internet hat unsere Vernetzung revolutioniert. Jede dieser Technologien hat nicht nur unsere Fähigkeiten erweitert, sondern auch verändert, wie wir arbeiten und miteinander umgehen.
Mit KI passiert das Gleiche – nur schneller. Sie erweitert unsere kognitiven Fähigkeiten um eine neue Dimension: die Fähigkeit, riesige Datenmengen zu verarbeiten, Muster zu erkennen und kreative Lösungen zu generieren.
Neue Möglichkeiten statt alter Ängste
Wenn wir KI als kulturelle Technologie verstehen, verändert sich die Fragestellung fundamental. Es geht nicht mehr darum, ob KI uns ersetzt, sondern darum, wie wir diese neue Komponente nutzen.
Ein Beispiel aus meiner Arbeit: Ich nutze KI, um Texte zu strukturieren und erste Entwürfe zu generieren. Die KI produziert dabei oft brauchbare Grundlagen, aber auch blinden Fleck. Sie kennt keine Ironie, versteht den kulturellen Kontext nicht wirklich, und ihre "Kreativität" bleibt letztlich Rekombination. Meine Aufgabe hat sich verschoben: weniger Formulieren von Grund auf, mehr Kuratieren, Schärfen, Bedeutung geben. Die Arbeit ist nicht verschwunden, sie hat sich transformiert.
Dadurch verschieben sich auch die Fähigkeiten, die ich brauche um Qualität zu erreichen: Ich muss die richtigen Fragen stellen. Zwischen Relevantem und Irrelevantem unterscheiden. Kontext und Bedeutung schaffen. Plausibilität prüfen.
Ein sich wiederholendes Narrativ
Die Ängste, die wir heute mit KI verbinden, sind nicht neu. Sie tauchen bei jeder kulturellen Technologie auf. Ein Beispiel stammt aus dem Jahr 1899, als der Journalist Julian Ralph über das Aufkommen von Magazinen in den USA schrieb:
"Millionen von amerikanischen Jungen und Mädchen, Männern und Frauen werden unfähig sein, irgendwas zu lernen, sich irgendetwas zu merken und sich auf irgendetwas zu konzentrieren."
Das gleiche Narrativ gab es beim Internet, und wir erleben es aktuell bei KI. Ralphs Prophezeiung hat sich nicht bewahrheitet. Wir sind noch da, wir lernen, wir erinnern uns. Technologische Neuerungen haben unsere Fähigkeiten nicht zerstört. Sie haben neue Formen des Denkens ermöglicht, die damals niemand vorhersehen konnte.
Die Regeln haben sich geändert
Der schnelle Fortschritt der KI führt bei vielen zu Gefühlen der Irrelevanz. Man fühlt sich allein in einer Welt, in der die alten Regeln nicht mehr gelten. Diese Unsicherheit ist real.
Aber vielleicht liegt gerade darin die Chance: Die alten Regeln basierten auf Knappheit – knapper Informationszugang, knappe Rechenkapazität, knappe Expertise. Die neuen Regeln basieren auf Fülle. In einer Welt, in der Information und Generierung billig werden, wird etwas anderes knapp: Aufmerksamkeit, Vertrauen, echtes Verstehen.
Für mich ist entscheidend, welche Geschichte wir mit den neuen Möglichkeiten erzählen wollen. Eine Dystopie oder eine Utopie?
Eine Utopie
KI macht uns nicht überflüssig. Sie macht uns zu anderen Menschen. Zu Menschen mit neuen Werkzeugen für ihre Intelligenz. Genau wie Schrift, Buchdruck und Internet uns zu anderen Menschen gemacht haben.
Ja, wir werden auch Fähigkeiten verlieren. Wer kann heute noch ein Feuer ohne Feuerzeug entfachen? Aber wir werden Fähigkeiten gewinnen, die wir uns heute nicht vorstellen können.
Die Herausforderung wird sein, diese neue kulturelle Technologie so nutzen, dass sie uns ergänzt statt ersetzt. Dass sie uns nicht isoliert, sondern verbindet.
Wir sind nicht irrelevant in einer Welt mit KI. Wir sind diejenigen, die dieser Technologie Richtung und Sinn geben.
Disclaimer & Quellen
- Dieser Text ist in Zusammenarbeit mit KI entstanden.
- Gregor Schmalzried: Wir, aber besser: 7 Ideen, wie Künstliche Intelligenz uns kreativer und menschlicher macht. Goldmann Verlag, München. 2025.